Was du heute kannst besorgen …

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen?

Jetzt oder nachher? Heute oder morgen? Gleich oder nie? Charlotte erledigt Dinge auf der Stelle, Ines dann irgendwann später mal. Was die Vor- oder Nachteile dabei sind, verraten wir euch hier!

…, das hat sicher Zeit bis morgen

von Ines

Es ist Sonntag, es ist Nachmittag und ich habe Charlotte versprochen, bis Sonntagnachmittag diesen Text fertig zu haben. Man ahnt es: Auch ich leide unter der Volkskrankheit Nummer Eins. Nein, nicht Rückenschmerzen, nein, nicht Bluthochdruck, sondern: Aufschieberitis. Auch bekannt unter Prokrastination.

Als ich dieses Wort vor ein paar Jahren zum ersten Mal gehört habe, dachte ich an eine Sekte, an einen Hautausschlag oder an das Geräusch, das entsteht, wenn ein Whiteboard mit quietschenden Filzstiften beschrieben wird. Autsch. Das Wort klingt definitiv nach etwas Unangenehmen, vielleicht leicht Anstößigen, vielleicht leicht Unappetitlichen – auch wenn ich mir nicht so recht etwas drunter vorstellen konnte.

Als ich erfuhr, was das Wort bedeutet, konnte ich mir auf einmal mehr als genug drunter vorstellen. Und fühlte mich sofort ertappt. Autsch. Hatte ich nicht auch gerade erst …? Und wollte ich nicht eigentlich längst schon …? Und wäre es nicht dringend nötig …? Naja. Läuft ja nicht weg. Manche Sachen erledigen sich ja angeblich sogar von alleine, wenn man nur lange genug wartet. Nun gut, die Steuererklärung wohl eher nicht, der Dreizehntausend-Zeichen-Artikel schreibt sich auch nicht von selbst und das Bad wird wahrscheinlich ebenfalls nicht auf magische Weise plötzlich wieder sauber. Aber wenn ich erst nächste Woche putze, dann lohnt es sich doch wenigstens richtig.

Das Schöne an Prokrastination ist, dass man mit ihr niemals alleine dasteht. Sie ist nicht nur eine Volkskrankheit, sondern zeitweilig eine Mischung aus Mode-Erscheinung und Karriere-Booster geworden. Wer nicht verschiebt, der fliegt. Vom Boss bis zum Hausmeister, vom Prof bis zum Studenten – wichtige ebenso wie unwichtige Menschen kokettieren gerne damit, Dinge nie sofort zu erledigen. Ja, gar nicht sofort erledigen zu können, weil man ja derart unersetzlich ist, dass man ja derart zahlreiche weitere Dinge zu erledigen hat. Wer einen Auftrag oder eine Aufgabe unverzüglich in Angriff nimmt, so der Umkehrschluss, der hat wohl nicht genug zu tun! Der ist wohl nicht bedeutend genug!

Das ist das Schöne an Prokrastination. Jeder kennt sie, jeder hat Verständnis. Jeder, fast jeder, macht mit.

Das Blöde an Prokrastination ist, dass man dazu neigt, sich hinter ihr zu verstecken. Also ich zumindest, ich tu das. Ich erkläre gerne im Brustton der Überzeugung, dass ich nun mal so bin, dass ich ja auch gerne anders wäre, dass ich gegen diesen inneren Drang, der mich zwingt, Dinge bis zur letzten Sekunde aufzuschieben, nichts, aber auch gar nichts, machen kann. Es geht einfach nichts. Ich hab’s probiert. Ich habe mich, sobald eine Deadline feststand, hingesetzt und versucht, loszulegen. Sofort. Was macht es schließlich für einen Unterschied, ob man das, was getan werden muss, direkt hinter sich bringt, in aller Muße und Gemütlichkeit, oder ob man bis zu dem Moment wartet, in dem es beinahe schon zu spät, zumindest jedoch sehr, sehr, sehr knapp wird? Einen großen Unterschied, wie sich herausstellte. Sorry, nein, es ging einfach nicht.

Der israelische Management-Guru Eliyahu M. Goldratt prägte den Begriff „Studentensyndrom“ für das Phänomen, eine Arbeit vor sich herzuschieben und hinauszuzögern. Tatsache: Ich kann mich an keine Hausarbeit, kein Referat, keine Klausur erinnern, in der mich nicht eben dieses Syndrom überfallen hat. Mein Gehirn weigert sich, Informationen aufzunehmen, meine Finger weigern sich, Informationen niederzuschreiben, solange es noch keine ernsthafte Frage von Leben und Tod, von Sein oder Sterben, von Jetzt oder Nie ist. Solange also keine absolute, keine unumstößliche, unwiderrufliche Notwendigkeit besteht.

Neben der Prokrastination machte Goldratt übrigens auch das Multitasking dafür verantwortlich, wenn Dinge nicht so laufen, wie sie laufen sollen. Doch die gute Nachricht für alle Prokrastinierer: Minus mal Minus ergibt bekanntlich Plus. Wer Prokrastination mit Multitasking vermischt, erzielt beeindruckende Ergebnisse. So wird neben der Abrechnung nicht nur die Wäsche fertig gemacht, sondern auch noch die seit langem zerrissene Jeans geflickt. So sind Studentenbuden niemals so blitzsauber und aufgeräumt wie in Klausuren-Phasen, so freut sich Tante Gerda nie über so viele liebevolle Anrufe wie kurz vor stressigen Deadlines. Und so habe ich, während ich diesen Text geschrieben habe, nicht nur zwei Texte von F korrekturgelesen, sondern auch noch mit meiner besten Freundin telefoniert, drei Stück Zitronenkuchen gegessen, ein Thai-Curry gekocht sowie meine Bauchmuskeln trainiert. Ach ja, und: Meine Steuererklärung ist nun auch endlich fertig. Deadline sei Dank.

 

…das hat keine Zeit bis morgen!

von Charlotte

Wer diesen Blog verfolgt, wird ahnen, dass es mir da etwas anders geht als Ines. Ich bin (meistens) strukturiert, ich bin organisiert, und ebenso bin ich hektisch und panisch. Das erste Weihnachtsgeschenk in diesem Jahr hatte ich bereits vor zwei Monaten gekauft (typisch übrigens). Und nicht mal meine Kleidungsauswahl kann bis morgen warten, weil ich mich kenne („Ich habe nichts zum Anziehen!“). Mein Outfit steht deshalb schon am Vorabend, vor besonderen Wochenendunternehmungen auch schon mal eine Woche vorher. Ich schreibe Ende Mai Klausuren, darauf vorbereiten tue ich mich schon jetzt. Und früher in der Schule gab es nichts Schlimmeres, als krank zu sein und den ganzen Tag darauf warten zu müssen, dass meine Mitschüler mich nachmittags über die Hausaufgaben unterrichten konnten. Ich hätte sie am liebsten schon morgens gemacht. Oder noch besser: Einen Tag vorher.

Und nein, liebe Ines, ich habe genug zu tun, glaub mir! Deshalb befinde ich mich auch dauerhaft in einem Zustand rigoroser Angespanntheit. Gesund ist das vermutlich nicht und ich gebe zu, dass ich oft übermütig Dinge erledige, die sich im Nachhinein als komplett sinnbefreit herausstellen. Erst kürzlich habe ich mehrere Stunden mit der Nachbereitung einer Vorlesung zugebracht, um eine Woche später vom Dozenten zu hören „Das müssen Sie nicht machen, nur, wenn Sie dieses Thema als Prüfungsthema wählen möchten!“ Möchte ich nicht! Was mir vielleicht wiederum nie klar geworden wäre, hätte ich mich nicht vorher stundenlang damit befasst.

Post-its und ToDo-Listen sind meine besten Freunde. Wer es übertreibt (wo ist da eigentlich die Grenze?) leidet an Athazagoraphobie. Aber ich finde es super, Dinge buchstäblich abhaken zu können. Erst dann kann ich meine Festplatte wieder neu beschreiben. Frustrierend wird es, wenn die Punkte auf der ToDo-Liste immer mehr werden, statt sich zu verringern. Denn das löst Panik in mir aus und den Drang dazu, Dinge ganz, ganz sicher nicht erst morgen zu machen. Kurioserweise sorgt dieses Jetzt-sofort-erledigen selten dazu, dass ich dadurch mehr (Frei-)Zeit habe, sondern eher, dass ich meine freie Zeit mit neuen Aufgaben fülle. Dann wird eben die Wäsche gewaschen (die ich auch morgen noch hätte waschen können) oder die Wohnung geputzt (was ich erst gestern gemacht habe) oder das Auto ausgesaugt (was sich eh nicht lohnt, weil mangels Innenraumfilter praktisch alles an Blatt- und Pollen- und Dreck-Material eh wieder hineinpustet wird).

Ich habe keine besonders guten Erfahrungen mit dem Aufschieben gemacht. Es frustriert mich, in das Wochenende zu starten, nichts getan zu haben und am Sonntagnachmittag festzustellen, dass ich noch tausend Dinge erledigen muss. Die schlimmstenfalls nicht an einem Sonntagnachmittag erledigt werden können, weil sie eines geöffneten Geschäfts bedürfen.

Aktuell frage ich mich, was einen wohl verrückter macht: Eine gleichbleibende Anspannung über eine lange Dauer hinweg oder extreme Anspannung über einen kurzen Zeitraum? Ich werde es vermutlich nie herausfinden, denn irgendwie war ich schon immer so und werde mich wohl auch nicht mehr ändern. So wie du nun mal so bist, Ines, so bin ich nun mal so.

Wenn mein Plan, die Dinge gleich heute zu erledigen und stattdessen nichts weiter vorzuhaben, dann mal aufgeht, werde ich belohnt. Nämlich damit, ganz entspannt das schöne Wetter oder eingemummelt bei einem leckeren Tee einen Film genießen zu können, ohne permanent zu denken: „da war doch noch was!“. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, das ist meine Devise!

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

Beitragsnavigation

javaversion1