Wer die Wahl hat …

Wer die Wahl hat, hat die Qual.

Die Amerikaner wissen, wie man einen erfolgreichen Wahlkampf führt. Sie wissen auch, dass Sympathie viele Wähler bringen kann. Ist das der Grund, weshalb auch in Deutschland scheinbar Nebensächliches zum Thema wird? Verlieren wir die politischen Themen aus den Augen und entscheiden letztlich nicht mehr über gute Politik, sondern über hübsche Kanzlerin-Accessoires?

Kleiderwahl und Politikwirbel

von Charlotte

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Das kann ich nur bestätigen. Demnächst bin ich auf einer Hochzeit eingeladen. Wie wahrscheinlich jeder weibliche Gast dort, habe auch ich mir schon frühzeitig überlegt, was ich anziehen werde. Nein, anders: Was ich anziehen könnte. Das Resultat waren drei potenzielle Outfits. Die natürlich alle nicht zufriedenstellend genug waren. Fazit: Ein neues Kleid musste her! Eigentlich musste schon lange ein neues Kleid her, nur gab es bis dato keinen Grund dazu. Den gibt es nun, an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön für die Einladung zur Hochzeit. Nun habe ich also vier potenzielle Outfits, das neue Kleid ist aber inzwischen mein Favorit. Warum? Weil es im Gegensatz zu den anderen Outfits dem Anlass besonders angemessen ist. Denn während ich so vor meinem offenen Kleiderschrank vor mich hinträume, stellen sich mir Fragen wie „Ist dieses Kleid zu kurz?“, „ist diese Farbe zu auffällig?“, „kann ich mich in einem Bleistiftrock überhaupt bewegen“, „habe ich in einem Corsagen-Oberteil Platz genug für das Hochzeitsmenü?“ und „ist der tief ausgeschnittene Rücken vielleicht zu sexy?“. Wieso wird ein Outfit schon lange im Voraus geplant, wen man wählen möchte dagegen nicht?

Eines ist klar: Politik ist definitiv nicht sexy! Richtig, wer die Wahl hat, hat die Qual. Jederzeit und überall. Permanent betonen wir, wie frei wir sind, wie unabhängig und dass wir unsere Entscheidungen stets selbst treffen. Aber ausgerechnet, wenn es um die politische Zukunft des eigenen Landes geht, lässt mancher von dem ab, was mitunter ein Inbegriff demokratischer Freiheit ist: Seinem Wahlrecht. Denn wer die Wahl hat, kann auch wählen, nicht zu wählen.

Viele tun dies aber nicht, um zu demonstrieren, dass sie wählen können und wie wählerisch sie letztlich sind. Sondern schlicht und ergreifend, weil Politik unsexy und langweilig ist. Denn die Multimedia-Generation wählt zwischen verschiedensten Gadgets, die ihnen permanent Entertainment auf höchstem Niveau bieten. Da kann Politik einfach nicht mithalten. Im Umfeld des Online Marketings stößt man immer wieder auf ein Schlüsselwort: Die Relevanz. Nur was für den User relevant ist, hat Einfluss auf Entscheidungen. Wie kann Politik nicht relevant sein?

Sie dringt nicht vor zur jüngeren Generation, zu Erstwählern und Unentschlossen. „Wenn ich schon keine Ahnung habe, wieso soll ich dann überhaupt wählen?“ und „Besser gar nichts wählen, als das Falsche!“ oder „Man wählt ohnehin nur das kleinere Übel!“, sagen sich viele. Dabei wäre es doch gerade durch die Multimedialität einfach, diejenigen zu erreichen, die noch unbeeinflusst sind und die sich gut als Wähler gewinnen ließen. Die wichtigen Themen schaffen es nicht bis zur Zielgruppe. Stattdessen werden schwarz-rot-goldene Halsketten und allessagende Mittelfinger diskutiert. Ist das der richtige Ansatz? Eine modebewusste 18-jährige soll sich mit der Kanzlerin identifizieren und ein rebellischer Spätpubertierender mit der Geste ihres Herausforderers? Es ist erschreckend, aber es kann funktionieren. Nur zeigt es nicht auf das, was Politik eigentlich kann. Verglichen mit anderem scheint Politik vor allem deshalb unsexy zu sein, weil sie nicht besonders trendy ist. Es gibt sie nicht als Herbst/Winter-Kollektion und alles dauert viel zu lange. Während Smartphones immer schneller werden und Displays in Zukunft immer flexibler, bleibt die Politik für viele ein starres Gerüst, in dem selbst innerhalb einer Legislaturperiode kaum etwas passiert. So meinen viele. Denn auch wenn uns eine Fashionweek oder eine Automobilmesse eher erreicht und die Informationen einfach nicht schnell und frisch genug kommen können, ist es vor allem eins, das uns immer umgibt: Die Politik. Dass wir in die Schule gehen, entscheidet die Politik. Ob und wie wir im Alter abgesichert sind, entscheidet die Politik. Wie teuer der Strom wird, entscheidet die Politik. Welche Farbe eine Kette hat und welche Geste am besten zu wem passt, ist dabei völlig egal.

Wir entscheiden, in welcher Kleidung wir uns wohl fühlen. Wir können auch entscheiden, in welchem politischen Gewand wir uns kleiden möchten. Aber wer zieht schon etwas an, das ihm fremd ist?

 

Wer die Wahl hat – ist egal?

von Ines

Ich liebe das Drumherum. Lustige Wahlplakate, seltsame Accessoires, vielsagende Gesten: Mit unglaublich unwichtigen Kleinigkeiten kriegt man mich unglaublich leicht. Ich habe mal ein Praktikum gemacht, dessen Ingredienzen waren: irrsinnige Aufgaben, cholerischer Chef, 60-Stunden-Woche. Aber in der Kaffeeküche gab es Fruchtsaft in reizenden kleinen Flaschen. Noch heute schwärme ich von diesem Praktikum – dabei trinke ich nicht mal Fruchtsaft.

Ich mag Wahlplakate, weil in einer rundum gephotoshopten Welt deren Protagonisten wie die letzte Bastion der Authentizität erscheinen. Natürlich sind sie das nicht. Natürlich sind die Plakate von Werbeagenturen konzipiert und komponiert, um Leute wie mich damit einzulullen. Natürlich ist der pfannkuchenbackende CDU-Vater wahrscheinlich ein Macho, der für das Foto zum ersten Mal eine Pfanne in der Hand hielt. Natürlich ist die glückliche, beim Essen mäklige Kuh der Grünen, die uns so charmant-offensiv die hässliche Zunge herausstreckt, vermutlich ein armes Zuchtvieh, das frisst, was es bekommt. Und natürlich sind auch die treuherzig in Kameras schielenden Politiker bis oben hin vollgepumpt mit Plattitüden, sind alles andere als ehrlich, menschlich, authentisch. Aber sie sehen zumindest so aus.

Im Wahlkampf interessieren sich die Leute nicht mehr für Politik als sonst, aber sie interessieren sich – auch das ist nur menschlich – für Menschen. Wahlplakate korrespondieren auf geniale Art mit ihrer Zielgruppe, geben uns das, was wir wollen. Mädchenhaft schlägt Merkel die Augen nach oben – verträumt, verlegen, verschmitzt? Ungerührt lässt Steinbrück sich das spärliche Haupthaar vom Winde verwehen und grinst dabei in die Masse, in das euphorische, jubelnde WIR. Wenn ich nicht schon wüsste, dass ich in knapp zwei Stunden mein Kreuz mal wieder bei den Grünen machen werde (und ja, mangels Alternativen, ein bisschen aber auch aus Überzeugung) – eine Sylvia Kotting-Uhl, die aussieht wie Cornelia Funke und grasgrüne Fahrräder in der Stadt verteilt, könnte mich dazu bewegen. Ich lasse mich gerne beeinflussen durch Werbung, sei es für die „Jetzt neu“-Kaugummis mit dem speziellen Bubble-Effekt oder den „Besser denn je“-Nagellack mit der Länger-Haltbar-Formel. Auch die bissfeste Partei mit der Extra-Portion Öko oder den handzahmen „Für Kinder, Frauen, Ausländer“-Politiker gegen besonders hartnäckige Umweltverschmutzer würde ich sofort in den Einkaufswagen packen.

Damit es nicht zu lahm und harmonisch wird, damit die Leute bei der Stange bleiben, braucht es zudem ein paar kribbelnde Details. Eine Obamania finden wir toll, aber nicht im eigenen Land, wo wir die Verbindung aus Macht und Charisma fürchten. Uns reichen die kleinen Freuden des Wahlkampfs, wie die Deutschlandkette, dank der Merkel allzu leicht den Sieg im TV-Duell davontrug (auch dies ein erfolgreicher Versuch, die Zielgruppe zu erweitern). Steinbrück konterte – mit dem Stinkefinger. Brot und Spiele, was brauchen wir mehr!

So egal die Detail sein mögen, sie sorgen dafür, dass wir uns selbst weniger egal fühlen. Was ist groß, grau und unwichtig? Der Irrelefant. Und wie eben dieser Irrelefant kommen auch wir uns manchmal vor, wie die große, graue, im Einzelnen komplett irrelevante Masse. Dagegen hilft es, mit Kleinigkeiten Aufschreis zu erzeugen, Skandale oder Skandälchen, über die wir diskutieren können, über die wir uns freuen und/oder empören können (meistens gleichzeitig), die uns ein Stück unserer anonymen Irrelefanten-Identität nehmen.

Bundestagswahl, das ist wie Steuererklärung und Sehtest: zu selten, um Routine zu entwickeln. Darum bin ich jedes Mal vorher aufgeregt. Nun habe ich einen Brief von Angela Merkel bekommen. Sie schreibt sehr viel „Ich“, was, wie wir schon in der Grundschule gelernt haben, vermieden werden sollte, und bittet nicht nur um eine, sondern um meiner beiden Stimmen für die CDU, was dem ebenfalls in der Grundschule erlernten Prinzip der Bescheidenheit widerspricht. Aber: Ganz oben ist da wieder dieses Foto, Merkel schlägt die Augen nach oben, verlegen, verträumt, verschmitzt – ein wenig verschämt vielleicht? Weil sie zwar ständig betont, wie toll die letzten vier Jahre waren, in Wahrheit doch weiß, dass sie Fehler gemacht, zu wenig gemacht hat, zu zaudernd war? Weil sie sich ein wenig geniert für die passive Vergangenheit, zugleich aber von einer besseren Zukunft träumt, offen, ehrlich, authentisch? Fast hätte sie mich damit gekriegt. Fast.

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