Wie viele Freunde braucht man?

Wie viele Freunde braucht man?

Kann man zu viele Freunde haben? Weil man keinem wirklich gerecht werden kann, weil es irgendwann unübersichtlich wird und in Freizeitstress ausartet? Zwei Freundinnen diskutieren – ganz freundschaftlich.

I’ll be there for you – ‘cause you’re there for me too

von Ines

Meine Lieblingsserie ist Friends, und das kommt nicht von ungefähr. Ich mag es, mir anzusehen, wie eine Gruppe von Freunden (wahlweise auch in How I Met Your Mother, New Girl oder Seinfeld) zusammen durch dick und dünn geht. Ich mag es zu sehen, wie Menschen sich aufeinander verlassen, einander vertrauen, füreinander da sind. Ich mag es, Freunde zu haben. Mehr noch: Ich brauche das. Weil ich relativ häufig umziehe, lande ich dabei öfters an Orten, an denen ich keine Freunde habe – wenn ich ankomme. Wenn ich wieder gehe, habe ich welche. Manche behaupten, ich hätte zu viele. Dann denke ich an das, was mein Vater sagt, wenn Leute über unsere Familie erstaunt bis irritiert ausrufen: „Fünf Kinder! Oh, das ist aber viel!“ Mein Vater meint dann immer, er wüsste nicht, was mit „viel“ gemeint wäre. Wenn etwas viel, zu viel gar, ist, dann heißt das, dass es auch weniger sein könnte. Weniger? Aber wer in unserer Familie sollte weniger sein? Weg sein? Ich? Meine Schwester? Meine drei Brüder? Mein jüngster etwa, hätten wir auf ihn verzichten sollen? Ein Leben ohne Vincent – das wäre, um Loriot falsch zu zitieren, nicht nur sinnlos, sondern ganz und gar unmöglich, unvorstellbar, um ehrlich zu sein.

Die perfekte Zahl und Anzahl an Menschen, an Kindern, Geschwistern, Freunden, ist die, die sich perfekt anfühlt. Wenn man nicht wüsste, auf wen man verzichten sollte, wen in seinem Leben man streichen sollte – wie kann es dann viel sein, zu viel gar?

Liebe Menschen kann man gar nicht zu viele haben, finde ich. Allerdings ist ein Freund nicht gleich ein Freund, auch für Freundschaften gibt es Schubladen. Und die sind wichtig, um Ordnung zu halten, um nicht durcheinanderzukommen mit dem, was jede einzelne Freundschaft bedeutet. Freunde hat man, so nüchtern das klingen mag, zu verschiedenen Zwecken und in verschiedenen Kategorien. Aristoteles unterschied drei Formen der Freundschaft: die um des Nutzens Willen, die um der Lust Willen und die um des Wesens Willen. Sprich: Freunde, die dir was bringen, Freunde, mit denen du Spaß hast, und Freunde, die du wirklich magst.

Es ist wichtig, Freunde einzuordnen, um nicht enttäuscht zu werden, weil der eine vielleicht eine tiefe Bindung fühlt, während der andere nur einen oberflächlichen Kontakt pflegen will. Nicht erst seit Facebook hilft es, sich bewusst zu machen, was Freundschaft wirklich bedeutet: nämlich immer etwas anderes. Fünfhundert Freunden, wie es das Wort suggerieren möchte, kann niemand gerecht werden, nicht einmal fünfzig. Muss man ja auch nicht. Man kann fünfzig Freunde haben und mögen – man muss nur wissen, wer die wahren Freunde sind, wer die wahren Freunde bleiben.

Manche Freunde sind in manchen Momenten sehr wichtig, begleiten uns für bestimmte Lebensphasen, bevor sich die Wege wieder trennen. Aus manchen Freundschaften wächst man hinaus, in andere hinein – weil man sich vielleicht schon lange kennt, aber erst mit der Zeit Vertrautheit und Vertrauen entwickelt. Manche sieht man selten, weiß aber trotzdem, dass es eine Liebe fürs Leben ist, andere sind irgendwie immer da, mit manchen teilt man den Alltag, doch weiß, sobald die gemeinsame Basis fehlt, ist auch die Freundschaft verschwunden. Manche Freunde sind gut für ein bisschen Plauderei zum Feierabendbier, andere für tiefgründig-philosophische Reflexionen oder für Gespräche über die Irrungen und Wirrungen des Lebens. Die besten sind gut für alles zusammen, je nach Bedarf und Begehr. Die besten Freundschaften sind wie eine Ehe: in guten wie in schlechten Zeiten. Ich bin für dich da – weil du auch für mich da bist.

Freunde und Bekannte

von Charlotte

Lang ist’s her, dass Otto von Bismarck zu dem Schluss kam: Ein bisschen Freundschaft ist mir mehr wert, als die Bewunderung der ganzen Welt.

Seit es Facebook gibt, ist der Begriff „Freundschaft“ zu einem schwammigen Etwas verkommen, das aus der Freundschaft als solche etwas schlichtweg Absurdes gemacht hat: Eine Sammelleidenschaft. Ich habe die Theorie, dass all jene, die auf Facebook unsagbar viele Freunde haben, im echten Leben umso weniger haben. Suchen sie auf diese Weise Anerkennung, Bestätigung und Rückhalt, weil sie das echte Leben nicht erfüllt? Letztlich ersetzt eine enorme Zahl an „Freunden“ nämlich doch nicht die richtigen Freunde.

Ich habe kürzlich versucht, einmal für mich selbst zu definieren, was echte Freunde eigentlich sind. Meine simple, aber nicht weniger tiefgründige Erkenntnis: Wahre Freunde freuen sich aufrichtig für einen und geben Neid offen zu. Ich stimme dir zu, Ines, dass sich die Menschen in unserem Umfeld kategorisieren lassen. Meine Kategorisierung unterscheidet unmissverständlich zwischen Freunden und Bekannten. Dieser Unterschied wurde mir zum Beispiel dann bewusst, als ich nach langer Suche einen neuen Job gefunden hatte. Es gab die eine Gruppe, die sich auf so herzliche Weise für mich freute. Und es gab die andere Gruppe, die mich zu allererst über Gehalt und Urlaubstage auszuquetschen versuchte. Nicht etwa, um sich dann im Anschluss für mich zu freuen, sondern um meinen kleinen beruflichen Erfolg mit ihrem größeren beruflichen Erfolg zu messen und im Geiste zu dem Ergebnis zu kommen „Keine Panik, sie hat zwar studiert, steht aber nach wie vor auf der Karriereleiter unter mir!“. Was mich von solchen Bekannten unterscheidet: Ich habe ein paar wenige, dafür aber beständige Freundschaften. Sie haben dagegen tausend Freund- und/oder Bekanntschaften, für die ihnen aber die Zeit, ergo auch die Tiefe fehlt. Es gibt diesen Typ Mensch, der seine Freundschaften eher phasenweise auslebt. Er kann nicht mehrere gleichstarke freundschaftliche Bindungen haben, sondern hat viele, die sich phasenweise vertiefen, mit der Zeit (oder neuer Kosten-Nutzen-Analyse) aber wieder entfernen. Das Gefährliche an diesem Typ ist, dass er all die persönlichen und womöglich sogar intimen Dinge, die man ihm in dieser Zeit anvertraut hat, in einer Zeit weniger enger Bindung gegen einen verwenden wird. Und sei es nur um dadurch vor anderen zu rechtfertigen, weshalb die Bindung nicht mehr so eng ist. An dieser Stelle schließt sich mein analytischer Kreis: Denn diese Art von Menschen fällt in meiner Kategorisierung unter „Bekanntschaften“!

Ich umgebe mich lieber mit jenen, denen man ebenso vertraut, wie sie einem vertrauen, deren Vertrauen man nicht ausnutzt, deren Nähe man sich nicht verdienen muss, die sich für einen freuen und mit einem traurig sind, denen man sich verbunden fühlt, auch wenn sie nicht immer da sind.

Es gibt wahrscheinlich viele Studien zur idealen Zahl an Freunden. Die einen sagen zwölf, die anderen dreißig, wieder andere drei oder fünf. Das hängt bestimmt damit zusammen, dass sich gar nicht genau sagen lässt, was ein Freund eigentlich ist. Meine Zahl liegt irgendwo zwischen fünf und zehn. Mehr Freunde würden mich vermutlich überfordern. Dass ich nicht zehn Freunde gleichzeitig an einem Tisch brauche, die Zeit mit Freunden lieber wohl dosiere, dafür aber auch umso mehr schätze und auch gerne mal alleine bin statt Freizeitstress durch einen vollen Terminkalender zu erleiden, schrieb ich bereits.

Dabei macht räumliche Nähe für mich noch keine Freundschaft aus. Eher emotionale Nähe, Anteilnahme am Leben des anderen, aufrichtiges Interesse und Wertschätzung sind Komponenten, die Freundschaft ausmachen. Ich habe einen ganz besonderen Freund, der mich seit nunmehr 13 Jahren begleitet. Er wohnt nicht in meiner Nähe, wir sehen uns sehr selten, aber wir nehmen uns seit 13 Jahren Zeit, uns lange Nachrichten zu schreiben. Damals noch per Brief, heute über andere Medien. Trotz Distanz sind wir miteinander erwachsen geworden und haben uns nie aus den Augen verloren. Das ist Freundschaft. Ich nenne auch meine Geschwister Freunde. Denn während man sich als Kind und Teenager noch nicht aussuchen kann, mit wem man unter einem Dach wohnt und entsprechend zwangsweise in Kontakt kommt, kann man es als Erwachsener schon. Könnte ich sie nicht leiden, hätte ich keinen Kontakt zu ihnen, so einfach ist das! Selbst mein Partner ist nicht nur mein Partner, sondern auch mein Freund, der beste sogar. Ich definiere meinen sozialen Status nicht über den Freunde-Status in einer virtuellen Gemeinschaft: Ich definiere mich selbst über die Zahl derer, vor denen ich mich nicht profilieren muss um gemocht zu werden, die mich kennen, mich und meine Macken ebenso wie meine Stärken.

„Der Freund ist einer, der alles von dir weiß, und der dich trotzdem liebt.“ Besser kann man es nicht sagen!

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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