Zufall und Schicksal treffen sich zum Tee

Das Philosophie Magazin titelt: „Entscheidet der Zufall mein Leben?“ Wir diskutieren: Entscheidet der Zufall – oder das Schicksal? Haben wir auf Zufälle Einfluss? Sind wir den Launen einer höheren Macht ausgesetzt? Oder ist das Schicksal vielleicht nur eine Ausrede für Dinge, die wir uns anders nicht erklären können? 

Furchtbare Begegnungen und fehlende Erklärungen

von Charlotte

Ich bin nicht gläubig. Was nicht heißt, dass ich nicht trotzdem ein wenig abergläubisch bin. Letztens hatte ich morgens eine traumatisierende Begegnung mit einer unangenehm großen, schwarzen Kellerspinne. Ungünstigerweise hatten wir dieser Tage anthrazitfarbene Handtücher im Bad in Gebrauch. Man kann sich denken, was passierte. Dieses Getiers (das laut Aussage meines Vaters wahrscheinlich mehr Angst vor mir hat als ich vor ihm) hat offenbar einen Hang dazu, statt einfach das Weite zu suchen, über mich drüber zu laufen. Und so schoss die erschreckend große Spinne in Windeseile über meinen nackten Arm, um es sich anschließend wieder im Handtuch bequem zu machen. Und danach dem Staubsauger zum Opfer zu fallen, den wir neben unserem letzthin erwähnten Staubsaugerroboter unter anderem genau für solche Fälle aufgehoben haben. Das Sprichwort „Spinne am Morgen bringt Kummer und Sorgen“ bezieht sich laut Wikipedia eigentlich nicht auf die achtbeinigen Krabbeltierchen, sondern auf die Tätigkeit des Spinnens. Die Fehlinterpretation führte zu einem Aberglauben, den ich meinerseits bestätigen kann. Jedenfalls nahm dieser Tag für mich keinen besonders positiven Verlauf mehr. Manch einer mag sagen „Jeder ist seines Glückes Schmied“, und um zumindest derartigen Begegnungen in Zukunft vorzubeugen, hat mein Freund wenige Tage später ein Insektenschutzgitter angebracht. Wahrscheinlich, weil ihn mein ständiger angsterfüllter Blick unter Sofa, Bett, Kissen und allerlei Textilien sonst verrückt gemacht hätte.

Wenngleich ich nicht an einen Gott glaube, glaube ich aber an Schicksal. Manchmal glaube ich, dass für jeden von uns ein bestimmter Lebensweg vorgezeichnet ist. Das glaube ich vor allem in Momenten, in denen ich es mir anders einfach nicht erklären kann. Vielleicht geht mein Glaube auch eher in Richtung Karma. Denn häufig stelle ich mir die Frage „Was habe ich bloß falsch gemacht?“. Aber wenn ich genauer drüber nachdenke, habe ich in meinem jungen Leben erst relativ wenig falsch gemacht. Und wenn, dann war es für eine höhere Macht sicher nicht ausschlaggebend genug, um mich dafür anschließend mein Leben lang zu bestrafen. Ich befinde mich gerade an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich viele Dinge hinterfrage und infrage stelle. Ich beneide Menschen, deren Denkapparat von Natur aus weniger zum Denken, als einfach zum Hinnehmen ausgelegt ist.

Ich habe schon immer zu viel gedacht. Und wenn es mir selbst zu anstrengend wurde, bin ich zu dem Schluss gekommen: Es wird schon alles werden. Es wird sich schon alles regeln, hab nur etwas Geduld. Denn: Dinge passieren nicht einfach so. Sie haben einen tieferen Sinn. Sie sollen uns lehren, uns stärker machen, resistent gegen fremde Einflüsse. Sie sollen uns in die richtigen Bahnen lenken, uns zeigen, was wir nicht wollen, wie wir nicht sein wollen, auch wenn sie uns leider nie direkt klar machen, was wir denn stattdessen wollen und wie wir sein möchten (warum einfach, wenn’s auch umständlich geht?). Die meisten Menschen in meinem Umfeld sind durch irgendwelche Zufälle an ihren Traumpartner, ihren Traumjob oder ihr Lieblingshobby gekommen. Ich halte Zufälle aber für weit weniger zufällig als ihr Name uns weismachen will.

„Was glaubst du, wie das Leben abläuft? Auch Ereignisse und Zufälle müssen irgendwie ins Rollen kommen. Unsere Leben stoßen zusammen und prallen aufeinander. Meinst du, dass da kein Sinn dahintersteckt? Wenn es keinen Sinn für das alles gäbe, was sollte es dann überhaupt?“ schreibt Cecelia Ahern in Ein Moment fürs Leben. So sehe ich das auch. Für mich sind kuriose Zufälle ein Wink des Schicksals. Dabei ist ein Zufall gar nicht dasselbe wie Schicksal, oder? Zufälle sollen das Mögliche sein, das eintreten kann, aber nicht eintreten muss. Demgegenüber sind Schicksale eine uns zugedachte Richtung. Aber hören wir nicht allzu häufig von „Schicksalsschlägen“? Von Kindern, die durch einen tragischen Unfall ihre Liebsten verloren haben? Von Familien, die durch einen betrunkenen Geisterfahrer ums Leben kamen, der den Zusammenprall selbst als Einziger überlebte? Was soll daran vorbestimmt sein? Was soll daran einen Sinn haben?

 

Ziemlich zufällig

von Ines

Ich bin auch nicht gläubig. Nicht mal abergläubisch. Obwohl ich natürlich beim Zähneputzen die Badezimmerkacheln zähle und fest davon überzeugt bin, dass es ein guter Tag wird, wenn eine ungerade Zahl herauskommt. Umgekehrt denke ich nicht, dass es ein schlechter Tag wird, wenn eine gerade Zahl herauskommt. Atheisten müssen Optimisten sein – sonst ist ihr Leben gar zu trist.

Ich beneide Menschen, die glauben. An einen Gott, eine höhere Macht, ans Schicksal. Nicht, weil ihr Leben einfacher ist, aber weil sie die Wahl haben, es sich einfacher zu machen. Seinem Schicksal kann man nicht entfliehen, heißt es. Und wenn ich ihm nicht entfliehen kann – nun, dann brauche ich auch gar nicht erst wegrennen.

Als Charlotte und ich das Thema diskutierten, war mir klar: Ich glaube an Zufälle, aber niemals ans Schicksal. Ich glaube daran, dass wir der Willkür ausgesetzt sind, nicht aber dem Willen einer höheren Macht. Als ich meine Thesen aufschreiben wollte, wurde ich unsicher. Und tat, was ich immer tue, wenn ich nicht mehr weiter weiß: Ich fragte meine Freunde. Die nicht-repräsentative Mini-Blitz-Umfrage ergab: Die meisten glauben, dass es „etwas“ gibt, jedoch auch, dass dieses Etwas nur die Macht hat, die wir bereit sind, ihm zuzugestehen. Läge der gesamte Lauf unseres Lebens in der Hand eines Schicksals – dann könnten, bräuchten, müssten wir gar nichts mehr machen. Und das wäre dann doch zu einfach.

„Der Mensch denkt, Gott lenkt“, so das Sprichwort, das Bertolt Brecht, der Atheist, dessen Lieblingsbuch die Bibel war, mithilfe eines Satzzeichens blasphemierte. „Der Mensch denkt: Gott lenkt.“ Denkste! Viele finden in belastenden Situationen zum Glauben. Viele jedoch fallen auch vom Glauben ab, sobald der liebe Gott nicht mehr das kredenzt, was wir bestellt haben. Ersetzt man Gott durch Schicksal, scheint man der Antwort auf die Theodizee-Frage ein Stück näher zu kommen. Fortuna, zwar auch eine Göttin, allerdings: eine Frau. Also: unberechenbar, wankelmütig, launenhaft. Der Hang zum Fatalismus ist es, der mich dabei abschreckt. Wenn alles vorherbestimmt ist, bedeutet das: Ich selbst habe gar nichts zu bestimmen. Und das mag ich nicht.

Der Zufall ist etwas Profanes. Es gibt glückliche und unglückliche Zufälle, die unser Leben beeinflussen – zum Beispiel in der Liebe. Ich glaube nicht, dass ein Mensch für einen anderen bestimmt ist. Ich glaube, dass es mehrere Menschen gibt, die zusammenpassen, und es ein riesengroßer Zufall ist, auf dieser riesengroßen Welt auch nur einem davon zu begegnen. Zur richtigen Zeit, am richtigen Ort: Dazu gehört Glück, total willkürlich. Fleming, der das Penicillin, Röntgen der die Röntgenstrahlen durch Zufall entdeckte. Zufall, dass Roger Federer sich für Tennis entschied statt für Fußball, wofür er ebenfalls Talent hatte, seine Karriere aber – vielleicht, wer weiß – nicht so legendär verlaufen wäre wie die eingeschlagene. Zufall überhaupt, dass ein Kind eine Sportart oder ein Instrument aus den zahlreichen zur Wahl stehenden erprobt und erlernt. Die größten Talente bleiben für immer unentdeckt.

Auch ich frage mich manchmal, was ich in meinem Leben falsch gemacht habe, dass ich weder reich noch erfolgreich geworden bin. Und zuverlässig komme ich zum Schluss: Nicht ich bin Schuld, sondern meine Eltern, die mir nie die Gelegenheit gegeben haben, Unterwasserhockey zu lernen. Ich bin ganz sicher: Darin wäre ich richtig, richtig gut.

Der Zufall ist ebenso launenhaft und unberechenbar wie Fortuna. Zu seiner Verteidigung muss gesagt werden: Er ist es zumindest nicht absichtlich. Wer ans Schicksal glaubt, glaubt, dass unser Leben bewusst gesteuert wird. Schicksal ist das, worin man sich ergibt.

Das Lieblingsgedicht meiner Großmutter stammt von Wilhelm Busch: „Fortuna lächelt,/ doch sie mag nur ungern voll beglücken./ Schenkt sie uns einen Sommertag,/ so schenkt sie uns auch Mücken.“ Ich liebe den Sommer und ich hasse Mücken – vor allem, weil die Mücken mich zu sehr lieben. Wenn mir jeder laue Sommertag einen Stich versetzt, kann mein Glück also niemals vollkommen sein? Nein, da nehme ich mein Schicksal doch lieber selbst in die Hand und zünde ein paar Kerzen an. Nicht, um Fortuna milde zu stimmen, sondern um die Mücken zu vertreiben.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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