Zwiespalt Zoo

Zwiespalt Zoo: Gut oder schlecht?

Charlotte geht gerne in Zoos, Ines fühlt sich hinterher immer schlecht. Zu Recht oder zu Unrecht? Wider der Natur oder zum Schutz des Tieres? Lethargischer Lagerkoller vs. artifizieller Artenschutz, Leid oder Leistung: Was bringt der Zoo?

Schau mal, Mutti, ein Känguru

von Ines

Hallo, ich bin wieder da. Ich war in Australien, es war wundervoll, aber wir haben etwas Dummes gemacht. Wir waren im Zoo. Unser Motiv, ich schäme mich, es zuzugeben, war ein höchst touristisches. Nachdem wir in der zweiten Woche immer noch kein einziges lebendes Känguru gesehen hatten (um die toten im Straßengraben kommt man leider kaum herum), während Roger Federer zeitgleich Beuteltiere gefüttert, Koalas gestreichelt und Zorro, dem Adler, getrotzt hatte, wurden wir langsam nervös. Und griffen zu unmoralischen Maßnahmen.

Ich hatte noch nie ein gutes Gefühl nach Zoobesuchen. Ich hatte durchaus schöne Momente in Zoos, verbinde mit ihnen Kindheitserinnerungen, tolle Ausflüge mit Freunden, spannende Sonntagnachmittage. Sobald ich jedoch den Zoo verlasse, wird mir mulmig zumute. Ich denke zurück an das, was ich erlebt habe, an stolze Tiger, schabernackige Affen, an goldige Tierbabys. Und ich denke daran, wie der Tiger – erhobenen Hauptes, ja, aber (bilde ich mir das ein?) mit einem bei jeder Runde verzweifelter werdenden Ausdruck in den Augen – nach vorne läuft und wieder zurück. Wie die Affen herumtoben, herumturnen, alle gemeinsam übereinander, nebeneinander, aufeinander, an einem einzigen Kletterbaum, der so voll ist, dass man vor lauter Affen den Baum nicht mehr sieht. Wie die jungen Tiere pünktlich zur Fütterung überrollt werden von jungen Besuchern, die alle mal gucken wollen – und nur apathische Blicke von klitzekleinen Eisbären, Löwen oder Elefanten ernten.

Zoos, so heißt es, sollen ihren Beitrag zum Artenschutz leisten. Zoos züchten Tiere, die vom Aussterben bedroht sind. Zoos sollen der Bildung dienen, dafür sorgen, dass wir mehr erfahren über Lebewesen, die uns unter anderen Umständen für immer fremd bleiben. Und natürlich ist es unterhaltsam, vielleicht auch lehrsam, exotische, ästhetische, faszinierende Tiere zu sehen. Doch obwohl angeblich immer mehr investiert wird in Gehege, Ausstattung und Bedingungen für die Tiere: Letztlich bleibt es, trotz allen Bemühungen, nicht mehr als eine Imitation. Der Eisbär, der sein Fressen aus Eiswürfeln erjagen muss, die Elefanten, die in einem zwei Mal zwei Meter großen Wasserbecken plantschen: eine Beschäftigungstherapie für die Tiere, ein Entertainment-Programm für die Besucher.

Der Zoo in Sydney aber, so hieß es, sei kein gewöhnlicher Zoo. Die tierlieben Australier, so hieß es, gönnten ihren Viechern Platz en masse und Auslauf ohne Ende. Üppiges Buschland, dichter Dschungel, das ganze Programm. Wir ließen uns überzeugen, nicht zuletzt vom stolzen Eintrittspreis: Für 44 Dollar pro Besucher, schlussfolgerten wir, musste dieser Zoo tatsächlich etwas Besonderes sein. Wohin sonst sollte dieses Geld wohl fließen, wenn nicht in weitläufige Gehege, artgerechte Haltung, natürliche Lebensräume, in üppiges Buschland, dichte Dschungel, na, ihr wisst schon.

Weil es Löwen und Tiger auch in Deutschland gibt, beschlossen wir, uns ganz auf das Australian Wildlife zu konzentrieren. Wombats, Kängurus, Koalas, wo seid ihr. Da sind sie. Die lang ersehnten Kängurus. In einer Ecke des Zoos weit oben, atemberaubende Aussicht über die Stadt. Und den Atem raubende Beklemmung, Enge, Angst. Es gibt hier einen Walkway, auf dem die Kängurus nicht hinter Gittern sind, sondern frei und fröhlich an den Menschen vorbeihoppeln, so zumindest der Plan. Was innovativ klingt, macht die Sache in Wahrheit nur noch schlimmer. Nach einigen Metern entdecken wir sie – an den äußersten Rand gedrängt, so weit entfernt wie möglich vom Weg, auf dem die Menschen vorbeilaufen. Regungslos, zusammengekauert, toter beinahe als die toten auf den Straßen. Gleichzeitig mit uns entdeckt eine britische Familie die Kängurus. Helljauchzend stürzen die Kinder darauf zu, die Schilder, in denen um Ruhe für die Tiere gebeten wird, geflissentlich ignorierend.

Zwei Minuten später sehen wir das erste und einzige Känguru, das sich bewegt: ein Rotes Riesenkänguru, das größte Beuteltier der Welt. Fast aufgerichtet zu seinen vollen 1,80 Meter steht es neben uns, hüpft dann majestätisch weiter. Wir gehen ein paar Schritte, es kommt wieder zurück. Wir gehen noch ein Stückchen, da dreht es auch schon wieder um. Hin und her, hin und her, hin und her. Bilde ich mir das ein, oder wird mit jeder Runde der Ausdruck in seinen Augen verzweifelter? Hier fehlen die Gitter, die Mensch und Tier normalerweise trennen. Und trotzdem fühle ich mich unweigerlich an Rilke erinnert, an sein Gedicht Der Panther: „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe/ und hinter tausend Stäben keine Welt.“

 

Vorsicht, Löwe uriniert ins Publikum!

von Charlotte

Zugegeben, ich bin ein bekennender Zoo-Fan. Spätestens seit ich im Wuppertaler Zoo am Löwengehege ein Warnschild mit der Aufschrift „Vorsicht: Löwe uriniert ins Publikum!“ gesehen habe. Damals wie heute ein lustiger Spruch, mit einem Unterschied: Heute schwingt das Bewusstsein mit, dass offenbar nicht einmal genügend Platz zum Wasserlassen im Käfig ist. Trotzdem: Ich gehe gerne in den Zoo.

Ich kann nicht genau sagen, weshalb. Wahrscheinlich wegen der Tiere. Mein Vater hat mir einst mit auf den Weg gegeben: „Du musst immer antizyklisch arbeiten.“ Diese Weisheit hat mich bis heute nicht los gelassen und ist stattdessen auch zu meiner Philosophie geworden. Meint: Ich fahre möglichst dann in den Zoo, wenn es die anderen nicht tun. Unter der Woche zum Beispiel oder zu einer Jahreszeit, in der es nur die wenigsten vor die zahlreichen Gehege zieht. Wenn nämlich schlecht und zu Rücksichtslosigkeit erzogene Kinder wie wild an die Scheiben der Gehege hämmern, läuft es auch mir kalt den Rücken herunter. Ich knüpfe viele Erinnerungen an Zoo-Besuche. Im Düsseldorfer Aqua-Zoo zum Beispiel habe ich meine Angst vor Urzeit-Geschöpfen entdeckt. Ich weiß nicht, wieso, aber ich habe ein tauchendes Krokodil, das mir als kleines Mädchen noch beängstigend groß vorkam, für einen Tyrannosaurus Rex gehalten (ob diese Art Dinosaurier überhaupt hätte schwimmen können, entzog sich damals meinem Horizont). Darauf gründet vielleicht auch meine heute noch omnipräsente Angst vor Wasser. Ich fand die Vorstellung schon immer gruselig, in trübem Wasser zu schwimmen und nicht zu wissen, was vor, hinter geschweige denn unter mir ist. Wasserpflanzen machen mir bis heute Angst. Darüber nachgedacht, dass ich deshalb als vielleicht einziger Mensch auf diesem Planeten Angst habe, unter der Dusche zu ertrinken, habe ich bislang nie.

In einem Zoo kann man sich wunderbar Tiere ansehen, die man sonst nicht zu Gesicht bekommt und deren Namen ich mir teilweise bis heute nicht merken kann. Im Zeitalter von schmelzenden Polkappen, ertrinkenden Eisbären, aussterbenden Tigern und gefährdeten Gorillas tragen Zoos einen Beitrag zum Artenschutz bei. Es mag ein Tropfen auf den heißen Stein sein, aber vielleicht sind diese Tiere die Arche Noah unserer Zukunft, die einzigen, die eine Art noch am (Über)Leben halten können. Natürlich ist es naiv zu glauben, man könne Tiere in Zoos züchten und sie anschließend einfach in die freie Wildbahn entlassen mit den Worten „Ihr wisst ja, wie man an etwas zu Essen kommt. Einfach warten, bis euch ein Beutetier reingereicht wird.“  Zoo-Tiere haben einen anderen Lebensraum (keinen nämlich), andere Verhaltensmuster, andere Hierarchien. Sie sind (Stell)Vertreter ihrer Art, aber als Nachzuchten in einem Zoo haben sie außer ihrem Äußeren vermutlich wenig mit ihren wilden Artgenossen gemein. Und selbstverständlich sind die Gehege im Zoo nicht annähernd mit einem natürlichen Lebensraum gleichzusetzen. Dass gesunde Nachzuchten und Auswilderungen nur Sinn machen, wenn es auch einen entsprechenden Lebensraum dazu gibt, wissen mittlerweile aber auch viele Zoos. So können sie wenigstens dazu dienen, Tierfreunden die Augen zu öffnen und auf die Dringlichkeit des Arten- und Naturschutzes aufmerksam zu machen. Viele Zoos engagieren sich für den Schutz natürlicher Lebensräume und aussterbender Arten. Sie versuchen, ihre Besucher zu sensibilisieren und zu mobilisieren, selbst aktiv zu werden. Und wenn es etwas gibt, das Menschen zu mehr Aktionismus bewegt, dann sind es Emotionen. Und seien es die, die durch traurige Koala-Augen provoziert werden.

Tiere hinter Gittern zu halten, ist keinesfalls unproblematisch. Ich frage mich bloß immer, ob Tiere, die in einem Zoo aufwachsen und von Zoo-Nachzuchten abstammen, überhaupt wissen, wie sich Freiheit anfühlt. Und ist es überhaupt Freiheit, wenn Arten durch Abholzung von Regenwäldern immer weiter zusammengepfercht werden? Wenn Pinguinen das Eis verloren geht und Nashörner der Menschen wegen ihrer Hörner beraubt werden? Wer den Bildungsaspekt eines Zoos ignoriert, hat sich lediglich auf Kosten der Tiere amüsiert, aber nichts von der Kritik an der eigenen Spezies mit nachhause genommen. Ja, ich gehe gerne in den Zoo. Ich erfreue mich an der Artenvielfalt und gehe trotzdem mit dem Wunsch raus, Elefanten einmal in ihrem natürlichen Lebensraum sehen zu wollen. Weil ich das Privileg zu schätzen wüsste, sie da zu sehen, wo sie eigentlich hingehören. Ist das so falsch?

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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